Anreise von Medellin in den Chocó nach Nuquí – Montag, 01.06.2026

Wieder mal war ich sehr früh wach – mehrfach sogar. Immerhin schien es mir etwas besser zu gehen, auch wenn der Regler weiterhin hartnäckig im unteren Drittel klebte.

In aller Gemütsruhe machte ich mich fertig. Draußen wartete ein wunderschöner Tag auf mich. Ich packte mein „rotes Monster“ mit all den Dingen voll, die ich in Nuquí nicht brauchen würde, und meine neue kleine Reisetasche mit allem, was mit musste. Das rote Monster durfte während meiner Nuquí‑Zeit an der Rezeption des Hotel Zándalo zwischenparken. Und wie immer im Zándalo: kaum Fluktuation. Ich erkannte viele Gesichter von 2019 und 2020 wieder. Bemerkenswert, denn viele Hotels und Restaurants haben in der Corona‑Zeit die Grätsche gemacht, Personal entlassen und später neu eingestellt. Im Zándalo dagegen: dieselbe Crew, dieselbe Ruhe, dieselbe Verlässlichkeit.

Uber funktioniert in Kolumbien übrigens hervorragend – sehr zu empfehlen, vor allem, weil man kein Bargeld braucht. Mein Fahrer nahm einen ordentlichen Umweg, vermutlich wegen Stau. Für mich war’s egal: kostete nicht mehr, und ich sah ein bisschen was von der Stadt. Zeit hatte ich ja genug.

Da ich später ohnehin darauf eingehen wollte, hier schon mal ein kleiner Teaser: Bei Fluggesellschaften und Charteranbietern in Kolumbien gibt es gewaltige Unterschiede – und ein paar Dinge sollte man unbedingt wissen.

Flughäfen & Fluglinien – der kleine Medellín‑Crashkurs

Erst einmal der Unterschied zwischen den beiden Flughäfen in Medellín: Es gibt den lokalen Flughafen Olaya Herrera direkt in der Stadt – und den internationalen Flughafen José María Córdova, der ein gutes Stück außerhalb in Rionegro liegt.

Früher gab es in Medellín die Chartergesellschaft Saint Germain. Die Flüge tauchten auf den Anzeigetafeln nicht einmal auf – zu wenig Passagiere. Man wurde quasi persönlich vom Check‑in bis zum Gate begleitet. Dort warteten dann sechs, acht oder vielleicht zwölf Leute auf eine kleine Maschine, die in irgendwelche abgelegenen Gebiete flog. Alles sehr persönlich, sehr sympathisch – aber die Maschinen waren… sagen wir mal: „charaktervoll“. Und jedes Mal eine andere, in einem jeweils anderen Stadium des Verfalls. Spannend war’s. Und ein bisschen abenteuerlich.

Heute fliegen nach Nuquí nur noch „richtige“ Fluglinien. In meinem Fall eine zweimotorige Turboprop‑Maschine, eine ATR 42‑500 von Click‑Air, einer kolumbianischen Regionalfluggesellschaft für Kurzstrecken zwischen Medellín, Nuquí, Bahía Solano und anderen Pazifikzielen.

Diesmal ging es nicht direkt über die Berge, sondern erst entlang der Straße nach Quibdó und dann in einer Schleife rüber nach Nuquí. Als der Pazifik und die mir so vertrauten Strände in Sicht kamen, ging mir wirklich das Herz auf.

Der Flughafen in Nuquí ist ein kleiner Regionalflughafen mit extrem kurzen Wegen. Das Gepäck wird per Hand die paar Meter bis zur Halle geschoben und dann persönlich an die wartenden Passagiere verteilt. Stress macht sich da keiner. Touristen zahlen noch die 10‑Euro‑Tourismusgebühr – und dann ist man draußen.

Eigentlich wollte ich gegenüber im von mir geliebten „Bocaditos CHK“ mit seiner hervorragenden Küche Mittag essen. Das gab es aber nicht mehr. Stattdessen hatte daneben eine Frühstücks‑ und Saftbar eröffnet. Auch gut. Ich gönnte mir einen tropischen Frucht‑Smoothie. Gerade fing es an zu regnen – perfektes Timing. Wäre ich losgelaufen, wäre ich pitschnass geworden.

Santiago kam dann mit einem dieser überdachten Dreirad‑Taxis angeknattert. Ich trank meinen Saft noch in Ruhe aus, der Fahrer wurde schon leicht nervös, und dann ging’s zu seinem neuen Hotel. Es lag in derselben Straße wie das Palma del Pacífico, nur näher am Zentrum. Die Straßen waren inzwischen alle geteert, viele neue Hotels und Restaurants waren dazugekommen – die Infrastruktur hatte sich deutlich verbessert. Das sah man sofort.

Das Hotel von Santiago und Edith war aus schönem, mahagoniartigem Hartholz gebaut. Mein Zimmer lag im ersten Stock, mit einer Hängematte vor der Tür – für mich ein absolut essentielles Feature. Edith lud mich zum Mittagessen ein, worüber ich sehr froh war. Ich hatte noch nicht mal gefrühstückt.

Santiago meinte, wenn er noch Touristen auftreibt, würde er am nächsten Tag oder spätestens Mittwoch eine Tour Richtung Termales und Guachalito machen. Falls nicht, würde er mit seiner Frau und seiner süßen Tochter mit mir allein rüberschippern. Ich würde also auf jeden Fall Moringa, La Sirena Negra und La Flaca mit ihrer Familie begrüßen können. Sie hätten schon mehrfach nachgefragt, wann ich denn endlich komme.

Nach dem Essen war mein Regler wieder bei etwa 20 %. Ich kam kaum die Treppe hoch und musste erst mal eine Siesta einlegen. Danach ging es deutlich besser. Ich setzte mich vor das Haus, begrüßte die vorbeigehenden Dorfbewohner – und alle grüßten freundlich zurück.

Auffällig in Nuquí: Die jungen Frauen strahlen eine Mischung aus Fülle, Lebensfreude und selbstbewusster Sinnlichkeit aus. Die Männer dagegen eher Drahtigkeit und pure Kraft. Die älteren Frauen hingegen begegneten mir oft mit einer gewissen Reserviertheit. Angesichts der traurigen und brutalen Geschichte der afrikanischstämmigen Bevölkerung in Südamerika ist das durchaus nachvollziehbar.

Dann gibt es noch die indigene Bevölkerung des Chocó, die man hier wirklich überall bemerkt: die Emberá und die Wounaan. Beide gehören zur Chocó‑Sprachfamilie und sind seit Jahrhunderten entlang der großen Regenwaldflüsse zuhause. Heute findet man viele Familien aber auch in Orten wie Nuquí – meist am Rand der Siedlungen, in Holzhäusern, oft mit Großfamilie und viel Leben drumherum.

Was sofort auffällt: die Farben.
Die Frauen tragen Röcke, die so leuchten und bunt sind, als hätten sie direkt mit dem Regenbogen verhandelt. Die Stoffe sind moderne, günstige Materialien – oft aus Asien importiert –, aber sie passen perfekt zu ihrer Ästhetik. Dazu kommen Perlenketten, Anhänger aus Naturmaterialien und manchmal traditionelle Körperbemalung mit Jagua. Alles selbst gemacht, alles mit Bedeutung.

Die Emberá und Wounaan gelten als sehr traditionsverbunden, naturnah und gemeinschaftsorientiert. Das merkt man im Alltag: eine ruhige, würdige Art, ein respektvoller Umgang miteinander, wenig Hektik.
Meine persönliche Beobachtung: Die Frauen wirken oft selbstbewusst und präsent, die Männer eher ruhig und konzentriert – eine Haltung, die viel Stärke ausstrahlt, ohne laut zu sein.

Was mich besonders fasziniert: Trotz moderner Einflüsse behalten sie ihre kulturelle Identität komplett bei. Sie nehmen, was praktisch ist, und verweben es mit ihren eigenen Traditionen, ohne sich davon entfernen zu lassen. Eine beeindruckende Mischung aus Anpassung und Standhaftigkeit.

Später ging ich noch zum Strand, um den Sonnenuntergang und die wilden Regenwolken aus Norden zu fotografieren. Der Weg war allerdings eine Herausforderung: riesige Pfützen überall. Trockenen Fußes kam man da nicht durch. Und die Mücken veranstalteten wieder eine echte fette Saufparty!

Auf dem Rückweg kaufte ich noch zwei Wasserflaschen im Laden neben Polas Restaurant. Beim Rückweg ins Hotel wäre ich fast gestolpert – in Nuquí muss man wirklich aufpassen, wohin man tritt. Es war knapp, und ich schlug mir nur schmerzhaft den großen Zeh an.

Am Abend blieb ich im Hotel, saß auf dem Balkon vor meinem Zimmer und sog die mir so vertraute, geliebte Stimmung auf, den würzigen schweren Duft, das Rauschen des nahen Pazifiks, die Zirkaden und Nachtvögel, und der etwas verrückten Nachbarn, mit seiner traurigen mexikanischen Walz-Schnulzen-Musik, mit der er dann so gegen 04:30 am Morgen, vermutlich in einem wehmütigen Anfall von Seelenschmerz, nochmal so richtig aufdrehte, dass auch wirklich alle seinen Schmerz mittragen konnten…