Die letzte Episode – Nuqui Medellín Taganga – 4. – 6. Juni 2026

260604 Nuquí – Der Flughafen, der eigentlich wie ein Kiosk ist

Ich stand früh auf, frühstückte und ließ mich mit dem Tuk Tuk zum Flughafen bringen. „Flughafen“ ist dabei ein großes Wort. Das Gebäude hat ungefähr die Fläche einer mittelgroßen Zwei‑Zimmer‑Wohnung in München. Übersichtlich wäre untertrieben.

Ich hatte mein Gepäck gerade abgegeben, wollte noch einmal kurz raus zum Frühstücken – da rannte mir eine Flughafenmitarbeiterin hinterher und wollte wissen, warum ich „wegrenne“. Meine Erklärung, dass ich nur noch was essen möchte, beruhigte sie. Man muss dazu sagen: Beim Gepäck-Drop-Off landet der Koffer in einem Gitterwagen, der außerhalb des Gebäudes steht. Man könnte also theoretisch nach dem Check‑in noch schnell ein paar Mangos oder eine Waschmaschine in den Koffer legen. Niemand würde es merken.

Auch die Sicherheitslogik ist… flexibel. Wenn man keine Lust auf die Eingangskontrolle hat, könnte man einfach durch das Fenster des Restaurants nebenan einsteigen. Und beim Ausladen des Gepäcks kann man zuschauen, denn das Flugzeug parkt 20 Meter vom Empfangsgebäude entfernt. Ich liebe diesen Ort.

Rund um den Flughafen gibt es mehrere Lokale – perfekt für ein Frühstück nach dem Check‑in. Ich nutzte die Gelegenheit.

Der Goldring‑Deal am Flughafenausgang

Ich transportierte außerdem einen Goldring für einen Freund von Santiago. Am Ausgang am nationalen Zielflughafen in Medellin wartete ein Mann auf mich. Wir hatten weder Codewort noch Erkennungszeichen vereinbart – er hätte genauso gut ein Taxifahrer sein können, der mich irgendwohin schleppen will.

Also bat ich ihn, mir die WhatsApp‑Kommunikation mit Santiago zu zeigen. Darin musste mein Foto sein – und tatsächlich, da war es. Identität bestätigt, Übergabe erfolgreich. Danach ging es mit dem Uber-Taxi ins Hotel Zandalo und direkt weiter ins Restaurant San Joaquín ums Eck, wo ich richtig gut gegessen habe. Mein „Regler“ stand allerdings nur auf 25 %. Große Sprünge waren in Medellín nicht drin.

260605 Medellín → Santa Marta → Taganga

Am nächsten Morgen frühstückte ich im Restaurant gegenüber vom Hotel – Barcelona Bar & Smart Restaurant. Warum ich da noch nie war? Vermutlich, weil es abends immer so laut ist. Morgens dagegen: himmlische Ruhe. Beim Frühstück haben Sie sich in der Küche wirklich Mühe gegeben. Alles was so fein geschnitten und es waren doch so einige Zutaten an Gemüse in den Rühreiern. Einfach aufwendiger als normal. Ich bereute dass ich nicht früher mal zum Frühstücken kam. Dem Koch hätte ich gerne einen Daumen nach oben gegeben, aber er wurde nicht sichtbar.

Dann ging es mit einem super sympathischen Taxista zum internationalen Flughafen in Rio Negro – nicht durch den Tunnel, sondern über den Berg. Eine Stunde Fahrt, viel Landschaft, viel Charme.

Der Avianca‑Check‑in war problemlos, die Landung in Santa Marta dagegen ein kleines Rodeo. Luftlöcher, Gewitter, Turbulenzen – ein „Kinderspaßprogramm“ für Erwachsene.

Vor dem Flughafen in Santa Marta ignorierte ich alle Schlepper, zog mein rotes Koffer-Monster hinter mir her, überquerte die Straße und setzte mich direkt ans Meer in eine Strandbar. Ein Bier am Strand nach der Landung – genau so hatte ich es mir immer vorgenommen. Ich klopfte mir innerlich auf die Schulter.

Neben mir saß zufällig ein Taxifahrer – ein super sympathischer Dominikaner mit einem Auto, das ständig ausging, und der Anlasser muckte. Eine recht unglückliche Kombination, was regelmäßige Hupkonzerte der Autos hinter uns verursachte. Die Klimaanlage blies wie eine Tiefkühltruhe auf Speed. Kurz vor Taganga setzte strömender Regen ein. Willkommen zurück.

Im Casa Bella Mya legte mir die französische Besitzerin die 60.000 Pesos für den Taxifahrer aus, weil er nicht wechseln konnte. Ich gab sofort Wäsche ab – ich hatte praktisch nichts Sauberes mehr – und ging runter ins Dorf. Mein Lieblingskiosk Nummer 14 war wegen Regen geschlossen, also landete ich im bewährten Pachamama. Hühnchen-Kebab, Bier, Abendtreiben. Danach: Hängematte auf der Dachterrasse bis 3 Uhr morgens. Begleitet von ungewollter Vallenato-Dauerbeschallung. Natürlich.

260606 Taganga – Nächte auf der Dachterrasse

Wenn ich in diesem Haus wohnen würde, würde ich vermutlich 80 % meiner Zeit auf der Dachterrasse verbringen. Vor allem nachts. Angenehmer Wind, Blick über die Bucht, Abstand zu allem – und trotzdem mittendrin.

Es war etwas kühler als sonst: nachts „nur“ 25 Grad statt 29. Die Gebäude hatten sich weniger aufgeheizt. Ein Segen.

Reise-Endspurt & körperliche Grenzen

Langsam näherte sich meine Reise dem Ende. Alleinreisen war ich gewohnt – zweimal sieben Wochen Kolumbien zuvor, plus andere Reisen. Aber diesmal war es anders. Die heftigen Fatigue‑Anfälle vor der Reise hatten mich nervös gemacht. Teilweise war ich zu nichts fähig gewesen.

In der ersten Woche dachte ich: „Ich hätte es diesmal lassen sollen.“

Aber Stück für Stück wurde es besser. Ich war nicht mehr im sechsten Porsche‑Gang unterwegs, sondern im ersten Kriechgang eines Traktors. Und das war gut so.

Ich lernte, meinen Körper zu spüren, statt ihn zu überfahren. Eine völlig neue Erfahrung. Jetzt bin ich optimistisch, dass ich vieles wieder in den Griff bekomme. Und wenn nicht – dann mache ich das Beste daraus. Das Schlimmste ist Resignation. Die zieht einem den Stecker.

Vielleicht definiert sich Glück genau darüber: Nicht über die Lage, sondern über die Tendenz.

Was die Reise mit mir gemacht hat

Ich war dankbar für all die Eindrücke, Begegnungen, Trigger, Wundpunkte und kleinen Heilungen. Ich fühlte mich wieder stärker. Mehr Erdung, mehr Achtsamkeit, mehr Wertschätzung für mich selbst.

Wenn es politisch möglich ist, möchte ich im Dezember wieder mehrere Monate nach Kolumbien. Vielleicht mit einem Abstecher nach Peru, um endlich dort ein paar Freunde zu besuchen. Auch Iquitos und Amazonien generell würde mich wieder einmal reizen. Vielleicht raffe ich mich doch noch einmal auf und mache die Bootstour den Amazonas rauf von Tabatinga/Leticia hoch nach Iquitos oder andersrum. Das wollte ich immer schon mal machen, nachdem ich mich in Amazonien immer recht „heimisch“ gefühlt hatte.

Alleinreisen in Kolumbien – meine Bilanz

Ich kann es sehr empfehlen. Aber romantisieren sollte man es nicht.

Die größten Vorteile

  • Radikale Freiheit – du bestimmst alles.
  • Persönliches Wachstum – jede Situation ist ein Lernmoment.
  • Komfortzonenerweiterung – kontrolliertes Abenteuer.
  • Intensivere Wahrnehmung – ungefilterte Eindrücke.
  • Spontanität – keine Diskussionen, einfach machen.
  • Eigene Interessen im Fokus – null Ablenkung.
  • Unabhängigkeit – du verlässt dich auf dich selbst.
  • Leichter Kontakt – du bist zugänglicher.

Die größten Nachteile

  • Mentale Belastung
  • Sicherheitsgefühl
  • Höhere Kosten
  • Einsamkeit in Momenten
  • Fehlende zweite Meinung
  • Krankheit allein
  • Logistikstress
  • Manche Erlebnisse schwieriger

Was mir oft fehlt: Wenn etwas schön ist, möchte man es teilen. Allein bläht sich die Freude in einem auf – und findet keinen Ausgang.

Taganga – 16 Jahre später

Taganga hat sich verändert. Sehr sogar.

Am Samstag wurden schon am Nachmittag die fetten Musikanlagen rausgestellt. Jeder Laden seine eigene, jede größer als die andere. Ein Wettbewerb der PAs. Für mich schwer auszuhalten.

Die Straßen sind immer noch nicht geteert, verwandeln sich bei Regen in Wildflüsse. Müll landet oft einfach auf der Straße. Hühner, Hunde, Katzen – alle unterwegs. Das war früher schon so, aber der Tourismus hat die Menschen verändert. Das Kommerzielle steht stärker im Vordergrund. Verständlich, wenn man manche Touristen beobachtet.

Und: Es hatte sich noch nicht herumgesprochen, dass ich weder an Kokain, Marihuana, Frauen noch Männern interessiert bin. Ich wurde ständig auf diese vier „Waren“ angesprochen.

Was mich trotzdem mit Taganga versöhnt

  • Die Dachterrasse des Casa Bella Mya
  • Die französische Besitzerin
  • Café Taganga – unfassbares Frühstück
  • Pachamama – Blick auf die Gladiatorenallee der Sonnenanbeter
  • Nähe zum Tayrona
  • Nähe zur Sierra Nevada
  • Entspanntes Dorfleben
  • Fischerort‑Charme

Hostels in Taganga

Taganga eignet sich gut zum Ankommen aus Deutschland – solange es die Dachterrasse des Casa Bella Mya gibt. Alternativen: Hotel San Marcos Taganga – tolle Dachterrasse, weniger schöne Zimmer. Das Hostelspektrum ist extrem breit. Man kann da tüchtig danebenliegen. Aber es gibt auch sehr schöne und preisgünstige Unterkünfte, speziell weiter den Berg rauf. Da hat man dann auch eine hervorragende Sicht.

Wer noch nie im Tayrona war: unbedingt hin. Minca: inzwischen überlaufen, aber für Erstbesucher lohnend. Sierra Nevada: Naturporno. Palomino: nicht weit, sehr schön.

Am Abend wollte ich essen. Kiosk Nummer 14 enttäuschte mich: bestellt hatte ich Shrimps in Knoblauchsoße, bekommen habe ich Shrimps in billiger Tütensahne ersoffen. Gnadenlos. Beilagen top, Portion winzig. Tagesform des Kochs entscheidet.

Den Tag beendete ich – natürlich – wieder in der Hängematte auf der Dachterrasse. Mit großem Genuss.


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