Im Hotel Zándalo in Medellín konnte man eigentlich nur mit Gehörschutz übernachten. Anders war an Schlaf nicht zu denken. Es wirkte, als hätte die Stadt über Nacht beschlossen, den Autoverkehr zu verdoppeln, und die Diskotheken ringsum gaben Vollgas – viele davon Open Air, versteht sich. Dazu die betrunkenen Partygäste, die grölend und schief singend durch die Straßen torkelten. Ich hatte das nicht so extrem in Erinnerung.
Im Bad fiel mir dann noch etwas anderes auf: Sobald man das Licht einschaltete, huschten braun‑schwarze, längliche Schatten über die Fliesen. Der Boden war blitzsauber, das ganze Bad war blitzsauber – aber andere Gäste hatten schon von Kakerlaken berichtet. Und ja, sie hatten recht. Instinktiv hatte ich nichts auf den Boden gestellt, was sich im Nachhinein als hervorragende Anti‑Kakerlaken‑Strategie und vor allem als Anti-Kakerlaken-Tourismus-Strategie herausstellte.
Was mir am Zándalo wiederum sehr gefällt: die riesige Fensterfront, von der man fast die Hälfte aufschieben kann. So schläft man nachts wunderbar luftig und kühl – zumindest ich habe das so gehalten. In den oberen Zimmern hat man außerdem eine gigantische Aussicht über Medellín, besonders nachts ein Traum.
Relativ früh wachte ich auf. Die nächtlichen Gewitter hatten sich verzogen, die Sonne blinzelte durch die Wolken und es bahnte sich ein schöner Tag an. In aller Ruhe machte ich mich fertig. Warmes Wasser gibt es im Hotel – ein Segen. Trotzdem wagte ich es nicht, den blitzsauberen Boden barfuß zu betreten. Für solche Fälle hat man schließlich Schlappen. Kleiner Minuspunkt: Es gibt kaum Möglichkeiten, Kleidung aufzuhängen. Weder im Bad noch im Zimmer. Und das Bad ist ohnehin eher… kompakt.
Zum Frühstück hatte ich mir ein Bio‑Lokal in der Nähe ausgesucht. Diese Läden – zusammen mit Nahrungsergänzungsshops und Bioläden – schießen in Medellín inzwischen wie Pilze aus dem Boden. Das Naturalia Café – Sede Laureles liegt in einer ruhigen Seitenstraße der Carrera 70.
Die Bedienung war flink, das Angebot fein und die Besucher… sagen wir: unterhaltsam. Links von mir saß eine Gruppe von sechs, sieben jungen Frauen, die gemeinsam Traumfänger bastelten und sie am Ende mit Palo Santo räucherten – eine Art Reinigungsritual. Rechts von mir ein Tisch mit fünf, sechs älteren Damen, die stickten. Beide Gruppen laut schnatternd. Hinter mir ein Touri, der wie wild in sein Notebook hackte, vermutlich an seiner „Ich‑finde‑mich‑selbst‑in‑Südamerika“-Story. Die Deko würde ich als „gezwungen neo‑alternativ“ bezeichnen: Lampen aus alten Metallreiben, Pflanzen in Einmachgläsern, eigenwillige Lichtinstallationen. Aber sympathisch.
Mein innerer Dimmer war heute etwas runtergedreht – so bei 40–50 %. Deutliche Einschränkung, aber noch okay. Große Sprünge konnte ich definitiv nicht machen. Das Wetter war etwas kühler, die Sonne versteckte sich immer wieder, und für den Abend war Regen angesagt. Gestern bei der Ankunft hatte es ja schon ordentlich geschüttet und gewittert.
In der Drogerie kaufte ich mir noch Herzmittel nach – das ging zur Neige, da ich mehr verwendete als gedacht, aus Gründen. In Kolumbien bekommt man das einfach so, ohne Rezept. Auch eine Claro‑SIM besorgte ich mir auf der Straße, bereits fertig authentifiziert. Der Verkäufer war ein sympathischer Paisa, also ein Junge aus der Kaffeezone. Er wollte mir in einem Schnellkurs noch wichtige kolumbianische Wörter beibringen – sehr nett, aber er kannte mein Kurzzeitgedächtnis nicht. Er hätte mir die SIM sicher auch gleich ins Handy gefummelt, aber das wollte ich mitten auf der Straße nicht. Also ging ich zurück ins Hotel – nur um festzustellen, dass ich weder Sicherheitsnadel noch sonstige Werkzeuge hatte, um das SIM‑Fach zu öffnen.
Ich wollte sowieso ins Einkaufszentrum bei der Uni und hoffte, dort jemanden zu finden, der mir das SIM‑Fach öffnet oder gleich ein Rundum‑Sorglos‑Paket anbietet. Also die Carrera 69 runter Richtung Uni. Unterwegs entdeckte ich einen Friseursalon und setzte mich spontan in die Warteschlange. Ich kam sofort dran, und der Barber (Barbería Montana) machte einen richtig guten Job.
Das Uni‑Gelände war leider geschlossen – ich wollte eigentlich abkürzen. Also außen herum bis zum Unicentro Medellín, einem beachtlichen Einkaufszentrum, das ich noch gut aus der Corona‑Zeit 2020 in Erinnerung hatte. Damals war ich dort hustend unterwegs und dachte, sie sperren mich gleich ein, weil alle panisch waren.
Ich fand tatsächlich einen Handyshop, der Claro‑SIMs verkaufte. Die Verkäuferin setzte mir die SIM ein und meldete mich an – mit ihrem eigenen Ausweis. Sie fragte nicht mal nach meinem, obwohl ich ihn extra mitgenommen hatte. Ich hatte also eine „anonyme verifizierte SIM“. Die Kolumbianer nehmen das immer noch erstaunlich locker. Auch die SIM von der Straße für 6000 Pesos war schon verifiziert und trotzdem anonym. Zusätzlich kaufte ich mir eine Reisetasche, denn ich musste einiges an Gepäck in Medellín lassen. Für den Flug nach Nuquí sind nur 10 kg Aufgabegepäck und 5 kg Handgepäck erlaubt. Klar, das sind ja winzige Flugzeuge. Mit allem Nötigen ausgestattet schleppte ich mich zurück ins Hotel – mein Akku war inzwischen ziemlich leer.
Was in Medellín auffällt: Alle Motorradfahrer tragen Helm, und fast alle halten sich an rote Ampeln – im Gegensatz zu Santa Marta. Es gibt viele Fahrradwege und überall diese Bodenschwellen, die verhindern, dass man zu schnell fährt. Die beiden Kulturen – die Costeños (Küstenbewohner) und die Paisa (Kaffeezone & Umgebung) – unterscheiden sich deutlich. An der Küste unten sind die Menschen schon sehr relaxt, locker, spontan, der Humor ist laut, verspielt, körperlich und sehr direkt. Alles vermutlich bedingt durch die Hitze und dem karibischen Lebensgefühl. Oben in Medellin und der Kaffeezone, also die Paisa, die sind verbindlicher, geschäftsorientiert, organisierter, Stolz auf Familie, Tradition und Herkunft, aber auch eine Spur trockener. Der Humor ist dadurch ironisch und clever. An der Küste erinnert mich das gesprochene Spanisch stark an Kuba, mit verschluckten Wortenden und allem Drum und Dran. Generell ist Medellín eine außerordentlich schöne Stadt: viel Grün, gute Infrastruktur, angenehme Temperaturen, freundliche Menschen, und man kommt schnell ins Gespräch.
Zum Abendessen ging ich noch zum Chilenen ums Eck und gönnte mir ein richtig deftiges Steak. Danach begann ich tatsächlich schon mit dem Packen für Nuquí. Ich hatte ja jetzt eine kleine Tasche für die Reise, und das rote Monster blieb im Hotel Zándalo. Leider fing mein Herz später wieder an, ein bisschen Faxen zu machen.














