Der erste Tag in Taganga – Donnerstag, 22.05.2026

Taganga, 04:00 Uhr: Die Hähne machen Soundcheck. Schon um 04:00 Uhr war ich wach – vermutlich Jetlag, vielleicht aber auch, weil draußen die Hähne ihren persönlichen „Colombia’s Got Talent“-Songcontest veranstalteten.
28 Grad um vier in der Früh… beeindruckend. Also hoch auf die Dachterrasse, den heimlichen Hotspot des Hauses. Dort stellten sich mir sofort die wahren Herrscher vor: zwei schwarze, wunderschöne Katzen. Später erfuhr ich, dass es insgesamt vier sind. Natürlich. Kolumbien liefert immer nach. Die Stimmung um diese Uhrzeit ist magisch: Vögel, die schon vor Sonnenaufgang lautstark ihre To‑do‑Listen abarbeiten, während von Menschen noch keine Spur ist. Die Morgendämmerung schleicht sich heran, und mit ihr ein ganzes Orchester aus Gerüchen:
Meer (salzig-fischig), frühe Arepas vom Nachbarn (himmlisch), ein „nasser Sandhaufen“, auf den Hunde und Katzen offenbar kollektiv gepinkelt hatten (weniger himmlisch), und irgendeine blühende Pflanze, die alles wieder wettmachte.

Gegen 06:30 Uhr hüpften die ersten Sonnenstrahlen mit einem überraschend sportlichen Satz über die Berge. Da war klar: In der Hängematte halte ich nicht mehr lange durch, wenn die Sonne mir direkt unter das Holzdach knallt.

Mit dem Licht kamen die Menschen: Motorräder, LKWs, Händler, die Mangos oder Lotterielose anpriesen, Hunde, die ihre Territorien verteidigten, und die vier Katzen, die mich maunzend daran erinnerten, dass sie jetzt bitte Frühstück hätten. Ich hatte aber nichts. Gar nichts. Und sie fanden das nicht gut.

Was mich doch ein wenig störte im „Paradies“: eine Wasserpumpe oder irgendein technisches Gerät, das regelmäßig ansprang und die ganze harmonische Morgenidylle zersägte.
Dann schalteten die ersten Nachbarn ihre Radios ein – Vallenato, Bachata, volle Lautstärke. Musik muss man nach Kolumbien definitiv nicht mitbringen. Man hätte eh keine Chance.

Gegen 10:00 Uhr meldete sich der Hunger. Nach einer Dusche (kaltes Wasser, das hier trotzdem 28–30 Grad hat) und einem netten Plausch mit der französischen Besitzerin und der strahlenden Haushälterin ging ich los.

Zwei Häuser weiter entdeckte ich mein altes Hotel „Fura y Tena“ – neuer Name, gleiche Fassade, aber jetzt mit Hängematten auf der Dachterrasse. 2019 hätte ich die gut gebrauchen können.

Im „Café Taganga“ gönnte ich mir Shakshuka und einen Café Campesino mit geraspelten Kakaobohnen. Großartig.
Auf der anderen Straßenseite sah ich „la Mona“, die inzwischen sehr alte Besitzerin des gleichnamigen Restaurants. Sie ging nur noch mit orthopädischem Stock, also kocht sie vermutlich nicht mehr selbst. Aber das Restaurant existiert noch – und ich werde es testen. Früher war es nicht hübsch, aber sehr lecker und günstig.

Taganga hat sich verändert. Mehr Betrieb, mehr Lärm, mehr Stadtgefühl.
Und: mehr Angebote. Von meist jungen Männern wurde mir alles Mögliche angeboten: Mädchen, Marihuana, Kokain, Männer, Fahrdienste, Touren. Ein etwas heruntergekommenes Mädel, angeblich aus Chile, wollte, dass ich sie zum Essen einlade. Ich hatte aber genug damit zu tun, meinen eigenen Körper den Berg hochzuschleppen.

Ich lief aktuell noch als „Weißwurst“ herum – also perfekt erkennbar als Tourist.
Und ja, die Kriminalität ist gestiegen. Zwei Banden – das „Cartel del Golfo“ und die lokalen „Autodefensas Conquistadoras de la Sierra Nevada“ (ACSN) – stecken gerade ihre Claims neu ab. Wenn man da zufällig zwischen die Fronten gerät, ist das maximal unpraktisch.

Dazu kommt die Kleinkriminalität: Manche Jugendlichen haben einfach keinen Bock auf die harte Fischerarbeit. Da ist es leichter, Touris abzuziehen. Das war schon vor 16 Jahren so, nur eben weniger.

Und jetzt kommt der Punkt, der mir wichtig ist:
Ob man in einer blöden Situation nur Geld verliert oder gleich das Leben, hängt oft vom eigenen Verhalten ab. Arroganz, Aggression oder Spott sind da ungefähr so hilfreich wie ein Regenschirm im Hurrikan.

Ich halte sogar in solchen Momenten Wertschätzung des Gegners für ein extrem unterschätztes Überlebenswerkzeug.
Nicht im Sinne von „gutheißen“, sondern im Sinne von verstehen, wie der andere tickt. Muss ja nicht unbedingt weiter eskalieren, wäre nur zum eigenen Nachteil. Zumindest ich habe nur sehr begrenzt Erfahrung im Straßenkampf und aktuell sowieso keine Kraft mehr. Ich unterstelle einem kolumbianischen Wegelagerer deutlich mehr Erfahrung auf diesem Gebiet.

Das ist wie bei Russland:
„Verständnis“ heißt nicht „Zustimmung“, sondern „ich begreife, warum du tust, was du tust — und kann deshalb besser reagieren“.
Das ist die Basis für jede Form von Deeskalation, egal ob mit Staaten oder mit einem Typen, der gerade dein Handy will.
Oder anders gesagt:
Diebe und Räuber sind halt auch nur Menschen — nur eben welche, die gerade deine Sachen wollen. Möglicherweise gibt es aus deren Sicht sogar plausible Gründe für ihr Handeln. Ob da eine Eskalation hilfreich ist?

Der Weg nach Playa Grande ist heute ausgebaut, mit Treppen und allem. Früher musste man über Felsen klettern, die Flossen im Wind wie kleine Segel. Das war dann schon manchmal aufregend. Denn der Blick nach unten zeigte, dass Fehler nicht verziehen würden.
Heute wäre es eigentlich sehr leicht, ein Spaziergang – wären da nicht die steilen Stufen und meine Polyneuropathie. Ich verlor ständig meine Schlappen und merkte es zu spät. Nervig. Unsicher.
Also kehrte ich vernünftigerweise um. Ein bisschen frustriert, aber realistisch.

Heute reisten Patty und ihre Tochter Marie aus München an. Ich hatte ihnen eine spezielle Reise-eSIM empfohlen die ich selbst benutzte – funktionierte bei ihnen aber nicht. Ohne Internet waren sie ziemlich gehandicapt.

Ihr gebuchtes Hotel in Candelaria entpuppte sich als Zimmer in einer Privatwohnung, in einer Ecke, die nachts nicht gerade einladend ist.
Der Betreiber hatte den Namen so gedreht, dass man es mit einem gut bewerteten Hotel verwechseln konnte. Clever – aber mies.

Der Taxifahrer brachte sie schließlich in ein anderes Hotel, teurer, aber sicher. Und ja, er bekam sicher Provision.
Ohne Internet ist man heute einfach aufgeschmissen. Mit ein paar Klicks hätten sie alles prüfen können. Aber wenn man müde aus dem Flugzeug fällt und dann Stress hat, ist man nicht besonders resistent und kreativ.

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