Paso del Mango – Finca Carpe Diem – Sierra Nevada – Montag, 25.05.26

Die Nacht im Baumhaus war definitiv ein Erlebnis. Die Geräusche des nächtlichen Waldes, der Wildbach weiter unten… nur die Brüllaffen hatten offenbar frei. Dabei gilt Paso del Mango eigentlich als Hotspot. So gegen 04:00 Uhr musste ich dann doch unters Leintuch schlüpfen, denn nur in Unterwäsche wurde es frisch. Nicht kalt – aber frisch genug, um mich an meine Menschlichkeit zu erinnern.

Als die Morgendämmerung anklopfte, zog es mich auf den Balkon, wo ich meine Hängematte aufhängte. Die Holzkonstruktion des Baumhauses war dafür wie gemacht. Eigentlich hätte ich das schon am Vorabend tun wollen, aber Müdigkeit schlägt bekanntlich jeden guten Vorsatz. Morgendämmerung in der Hängematte – egal ob im Wald oder auf einer Dachterrasse – gehört für mich zu den Top‑Momenten des Lebens. Kolibris schauten auch vorbei, vermutlich in der festen Überzeugung, dass die gelb bespannten Stühle irgendwelche Superblüten seien.

Gegen 08:30 Uhr gewann der Hunger und ich machte mich die steilen, gepflasterten Stufen hinunter zum Haupthaus, wo Rezeption und Restaurant lagen. Unten standen auch mehrere Rundhütten im Kogi‑Stil und ein Pool. Die Mädels wohnten in einer dieser Hütten.

Es waren viele junge Reisende da, hauptsächlich Amerikaner. Und bis auf wenige Ausnahmen waren die eher… nun ja… unnahbar. Man grüßte freundlich – und bekam exakt nichts zurück. Ein bisschen befremdlich. Vielleicht lag’s an der Alterskategorie. Vielleicht auch einfach Pech mit der aktuellen Hostel‑Besetzung. Das Essen war grundsätzlich gut: viel Selbstgemachtes wie Joghurt, Brot, Käse und Butter. Lecker, aber alles ein bisschen fade gewürzt – aber das Thema hatten wir ja schon. Der ganze Frühstücksprozess zog sich ziemlich. Bis ich endlich verstanden hatte, dass man Frühstück extra am Tresen bestellen muss. Abendessen und, glaube ich, auch Mittagessen muss man sogar vorbestellen.

Die Mädels erzählten mir dann, dass sie schon ein Hotel in Santa Marta gebucht hatten und nicht mehr bei der Französin im Casa Bella Mya in Taganga schlafen wollten. Ich hatte allerdings mit ihr ausgemacht, dass wir die Koffer dort lassen, weil wir noch eine Nacht bleiben würden. Tja, mein Problem. Und ich mochte ihre Dachterrasse sowieso. Also würden sich unsere Wege in Taganga trennen.

Ich bin dann wieder hoch ins Baumhaus. Erst ein bisschen Blog, dann Siesta in der Hängematte. Es ließ sich dort oben wirklich hervorragend aushalten. Nur hatte ich vergessen, genug Wasser mitzunehmen. In der Bar – Luftlinie vielleicht hundert Meter – war noch kein Barkeeper. Also hätte ich ganz runterlaufen müssen. Und das wollte ich vermeiden.

Am späten Nachmittag schrieben die Mädels, dass sie ein bisschen rumwandern wollten, zum Fluss und so. Gute Idee – und ich wollte testen, wie es mir dabei geht. Also runter. Ich war aber schon ziemlich durstig und machte den Fehler, trotzdem gleich weiter zum Wildbach zu laufen.

Im Bachlauf lagen riesige Steinblöcke, dazwischen schoss das Wasser hindurch. Mächtige Bäume säumten das Ganze – eine richtige Märchenlandschaft. Beim Versuch, mich zwischen den Steinen zu bewegen, merkte ich meine neuropathiebedingte Unsicherheit. Das traf mich schon ein bisschen. Früher bin ich wie eine junge Gemse über solche Blöcke gehüpft. Heute bräuchte ich eigentlich einen Stock. Das frustrierte mich. Also ging ich nicht weit und kehrte um – auch wegen des Dursts. Ich wollte mir endlich Wasser und einen Saft gönnen. Sehr vernünftig, denn ich war schon leicht dehydriert.

Ich bestellte mir gleich einen Snack dazu: Hamburger mit Pommes, hausgemacht und mit Toastbrot. War okay – und eine Riesenportion. Damit war das Abendessen erledigt.

Es war später Nachmittag, also wieder hoch zur Hütte. Der steile Weg ging inzwischen erstaunlich gut. Immer besser eigentlich. Ich musste nur viele Pausen machen – dann lief’s. Am Ende der Steilstrecke hingen ein paar Hängematten, strategisch perfekt platziert. Die nutzte ich oft, um die Strapazen wegzuschaukeln.

Ich sog die Atmosphäre in mich auf, und schwupps war es Abend. Die Sonne ging unter, die Zikaden gaben Vollgas, ich schaukelte in meiner Hängematte vor der Hütte und war einfach glücklich.

Es ist wirklich ein paradiesischer Ort da oben – wenn nur die Anfahrt nicht so kompliziert wäre. Die Strecke ist nicht weit, aber die letzten Kilometer hoch nach Paso del Mango sind brutal steil, die Straße ist mies und ohne Jeep geht gar nichts. Außerdem gibt es mehrere Bachdurchfahrten. Bei niedrigem Wasserstand kein Problem – aber bei Regen oder Hochwasser ist die Straße schlicht unbenutzbar.