Mein Wecker klingelte um 06:00 Uhr, aber ich war natürlich schon vorher wach – mein Körper liebt es, mich ohne Not in den Tag zu schubsen. Meine Schwester fuhr mich zum Flughafen, und ich bewegte mich dort wie ein gut trainierter Flughafenzombie: Self‑Check‑In, Gepäck abgeben, fertig. So wie früher immer. Automatikmodus. Erst danach fiel mir ein, dass ich eigentlich den Mobility‑Service nutzen wollte. Komplett vergessen. Mein Gehirn hatte das wohl unter „später vielleicht mal denken“ abgelegt.
Nochmal anstellen, um das nachträglich zu klären? Auf gar keinen Fall. Mein eingebauter „Dimmer“ stand bei 50–60 %, also dachte ich mir: Ach komm, München schaffst du noch auf eigener Achse. Und tatsächlich: Ich kam zum Gate, auch wenn es wirklich anstrengend war, und dank Mobility‑Service durfte ich sogar zusammen mit der Business Class einsteigen. Ein kleiner Moment Luxus, den ich mir durch reines Elend verdient hatte.
Die Perspektive einer gehandicapten Person ist für mich ja doppelt spannend, weil ich selbst jahrelang 24‑Stunden‑Assistenz gemacht habe. Und jetzt war ich plötzlich selbst das „Paket“. In Barcelona merkte ich nämlich: Mein Dimmer war auf 35 % gefallen, und die Wege dort sind länger als manche Beziehungen. Also suchte ich den Mobility‑Service – und fand ihn. Trotz Anmeldung stand ich nicht auf der Liste, aber sie „versendeten“ mich trotzdem. Und ja, es fühlt sich wirklich an wie DHL: Man wird abgeholt, zwischengelagert, weiterverteilt. Nur ohne Trackingnummer.
Mein Respekt für die Mitarbeitenden ist riesig. Viele Passagiere sprechen sie an, als wären sie schuld daran, dass die Welt schlecht ist. Und trotzdem bleiben sie freundlich. Ich wäre längst ausgerastet. Ohne diese „Versendung“ hätte ich meinen Anschlussflug nie erreicht. Die Schlangen an Sicherheitskontrolle und Co – ich wurde überall elegant vorbeigeschoben wie ein VIP, der aber leider aussieht wie ein VIP, der gleich umfällt.
Im Flugzeug nach Bogotá hatte ich einen Fensterplatz ohne Fenster. Das ist ungefähr so sinnvoll wie ein Regenschirm ohne Stoff. Dafür war der Mittelsitz frei – ein Geschenk des Himmels. Meine diversen Handicaps machten den Flug trotzdem zu einer kleinen Hölle. Ich kam in Bogotá an wie ein schlecht zusammengebauter Ikea‑Stuhl.
Mein Dimmer stand inzwischen auf 20 %. Ich schwankte beim Gehen wie ein betrunkener Oktopus auf Glatteis. Elektromobile gab es nicht, nur Rollstühle. Einer der Mitarbeiter sah mein Wanken und bot sofort an, mich zu schieben. Der Rollstuhl war unbequem: Stofffläche, Eisenstange an der falschen Stelle, viel zu tief. Aber egal – wieder wurde ich an der Immigrationsschlange und Co vorbeigeschoben, in der die Menschen sicher über eine Stunde standen. Ich dagegen rauschte durch wie ein VIP‑Paket mit Expresszustellung.
Ohne diese Hilfe hätte ich den Anschlussflug niemals geschafft. Als ich endlich im Flieger nach Santa Marta saß, merkte ich, wie schlecht es mir wirklich ging. Ich war komplett am Ende. Aber egal – in einer Stunde wäre ich tatsächlich am Ziel.
Und Santa Marta entschädigt einfach für alles. Der Flughafen liegt direkt an der Karibik. Man läuft 20–30 Meter aus dem Gebäude und steht an einer Strandbar. Eine Strandbar! Am Flughafen! Das ist ungefähr so, als würde man am Münchner Flughafen direkt in einen Biergarten stolpern – nur mit Meer, Palmen und ohne Lederhosen.
Mein Gepäck kam sofort, der Taxifahrer wartete schon. Vor dem Flughafen herrschte ein Verkehrschaos wie am Stachus zur Rush Hour, nur mit mehr Hupen und weniger Regeln. Ich konnte sogar noch Geld ziehen. Und der Taxifahrer hielt unterwegs an, damit ich mir ein eiskaltes Bier kaufen konnte. Ein Mann mit Prioritäten. Ich nahm zwei – eines für mich, eines für ihn „für später“. Er öffnete es sofort. Zisch. „Anstoßen?“ Also trank er beim Fahren. Und ich auch. Sonst wäre es ja warm geworden, meinte er. Und ein warmes Aguila ist wirklich keine kulinarische Bombe. Selbst als die Polizei neben uns hielt, blieb er völlig entspannt. Gurtpflicht? Optional. Rote Ampeln? Empfehlung. Motorräder? Frei von allem.
Aber all das war egal. Die warme Brise, die Musik, der Duft des Meeres – wie ein Parfum, das Santa Marta exklusiv trägt. Die Reise war unglaublich anstrengend gewesen. Zwischendurch dachte ich wirklich, ich schaffe es nicht. Aber ich war da. Und ich war sehr, sehr glücklich.
Im Hotel „Casa Bella Maria“ empfing mich die freundliche ältere Besitzerin, eine Französin. Ich wollte nur noch ins Bett. Kein Widerspruch. Und weg war ich – im schönen Zimmer im ersten Stock.



