NEUES KAPITEL – Kolumbien-Pilot, diesmal mit Begleitung – 17.05.2026

Nach sechs schwierigen Jahren halte ich endlich wieder ein Ticket in der Hand – Destination: Santa Marta. Schon vor zweieinhalb Jahren hatte ich einmal einen Flug gebucht und war mit einer lieben Freundin aus Peru in Kolumbien verabredet. Ganz kurzfristig, eine Woche vor Abflug, musste ich allerdings krankheitsbedingt absagen. Leider habe ich mich bis heute nicht wirklich vollständig erholt. Deshalb wird diese Reise für mich eine Art Test: Schaffe ich das überhaupt noch?

Vor viereinhalb Jahren wurde bei mir AML festgestellt. Leukämie ist eine Krankheit, die ich eher nicht empfehlen kann. Die erste akute Phase habe ich gerade so überlebt. Danach hat es zwar einige Monate gedauert, aber irgendwann ging es mir eigentlich wieder ziemlich gut. Ein Jahr nach dem Krankenhausaufenthalt wollte ich endlich wieder wegfliegen. Die Ärzte fanden das durchaus ambitioniert, wollten mich aber machen lassen.

Dann, eine Woche vor dem geplanten Abflug im Januar 2023, eröffnete mir mein behandelnder Arzt nach einer Knochenmarkspunktion, dass die Leukämie leider zurückgekommen ist und ich möglichst schnell einen Stammzellen- beziehungsweise Knochenmarkspender brauche. Hätte ich damals gewusst, dass es noch über ein Jahr dauern würde, einen passenden Spender zu finden, wäre ich wahrscheinlich trotzdem geflogen. Aber unter dem Schock und dem Druck der Ärzte habe ich den Flug storniert. Das passiert mir kein zweites Mal.

Die Stammzellentransplantation war eine ziemliche Spezialhölle, die ich wirklich niemandem wünsche. Und es dauert extrem lange, bis man danach wieder halbwegs auf die Beine kommt. Seitdem habe ich sozusagen einen eingebauten „Dimmer“ – und keine Ahnung, wer den eigentlich bedient. Manchmal läuft alles auf 70 %, dann plötzlich nur noch auf 30 %, später wieder auf 60 % und am Ende auf 15 %. Mehr als 70 % habe ich seitdem nicht mehr erlebt, und zeitweise steht der Regler wochenlang irgendwo zwischen 20 und 40 %.

Das bedeutet: Manchmal geht gar nichts, manchmal nur sehr wenig. Vor allem keine schnellen oder schweren Sachen mehr. In solchen Phasen bin ich schon froh, wenn ich meinen Körper langsam von A nach B bewegen kann. Nichts mehr mit 25.000 oder 30.000 Schritten am Tag – wenn ich 3.000 oder 5.000 schaffe, bin ich schon zufrieden.

Früher habe ich meinen Körper oft ziemlich gefordert und auch mal überlastet, wenn es nötig war. Das war nie ein Problem, weil er sich schnell wieder erholt hat. Heute reicht eine kleine Überlastung, und ich brauche eine oder sogar anderthalb Wochen, um wieder klarzukommen. Das geht erschreckend schnell, und dann liege ich tagelang flach.

Durch die Chemotherapie-bedingte Neuropathie spüre ich meine Füße nicht mehr richtig. Das führt dazu, dass ich im Dunkeln manchmal herumschwanke wie der klassische deutsche Tourist nach einem etwas zu intensiven Abend in der griechischen Taverne.

Kurz gesagt: Ich befinde mich in einer komplett neuen Lebenssituation. Eine Art Turbo-Zwangs-Workshop in Sachen Ruhe, Langsamkeit und Bedächtigkeit. Wenn ich alles ruhig angehe, nichts übertreibe und keine schweren Sachen mache, komme ich eigentlich ganz gut zurecht.

Und jetzt geht es also wieder nach Kolumbien. Diesmal mit Mobilitätshilfe über Lufthansa – ich werde also stilecht mit dem E-Mobil von Terminal zu Terminal gekarrt. Auf diese Weise sollte es funktionieren. Wie gesagt: Das Ganze ist ein Pilotversuch, ein Testlauf. Wenn alles gut klappt, bin ich nächsten Winter vielleicht für zwei, besser noch drei Monate in Kolumbien. Vorausgesetzt natürlich, man kann dann überhaupt noch problemlos fliegen. Ganz sicher wirkt das aktuell ja nicht mehr.

Die jetzige Reise dauert nicht einmal drei Wochen und ist damit eigentlich sehr kurz für Südamerika. Das liegt aber auch daran, dass die Sommer in Bayern einfach schön sind. Warum sollte ich also im Sommer nach Kolumbien fliegen? Ganz anders sieht es im Winter aus. Gegen vier oder vielleicht sogar acht Wochen richtigen Winter hätte ich gar nichts – dann weiß man den Sommer wenigstens wieder zu schätzen. Aber monatelanges Sauwetter, Kälte und grantige Leute? Das werde ich mir nächsten Winter, wenn irgendwie möglich, sparen.

Wenn alles gut geht, lande ich also am Mittwochabend tatsächlich in Santa Marta an der kolumbianischen Karibikküste – genauer gesagt in Taganga, etwa zehn Minuten mit dem Bus von Santa Marta entfernt.

Diesmal reise ich außerdem nicht allein. Eine sehr gute Freundin aus Peru kommt mit ihrer Tochter nach, auch wenn die beiden etwas früher wieder zurückfliegen. Den Großteil der Reise werden wir aber gemeinsam durch Kolumbien unterwegs sein. Dadurch sieht der Reiseplan natürlich ein bisschen anders aus. Wegen der knappen Zeit ist alles enger getaktet als sonst.

Aber neben Taganga und einer wunderschönen Finca in der Sierra Nevada scheint es tatsächlich auch noch mit dem Chocó zu klappen – also mit der Pazifikküste Kolumbiens. Wenn auch nur extrem kurz. Ich habe meine Freunde dort natürlich schon informiert, und sie freuen sich sehr. Was wiederum mich freut.

Ein bisschen spannend ist das Ganze also schon. Ich bin selbst gespannt darauf, wie sich mein Körper verhält – und wie derjenige, der meinen „Dimmer“ bedient, auf diese Reise reagiert.